Brahms, Requiem
Es ist von einzigartigerKlangschönheit, großer Zartheit, emotionaler Wärme, beeindruckender Dynamik und von faszinierender, fast unheimlicher Wirkung:
Braucht es neben dem deutschen Requiem von Johannes Brahms, neben diesem genialen Meisterwerk, überhaupt noch ein zweites Musikstück? Psalm 42 gilt als eines der wichtigsten Werke im Oeuvre des Felix Mendelssohn Bartholdy. Auch folgen beide Werke
der protestantischen Tradition. Kurz vor dem Höhepunkt der Feierlichkeiten im Luther-Jahr beide im Münster aufzuführen, ist ein interessanter Ansatz. Beide sind siebensätzige, konsequent strukturierte und mächtige Werke, die inhaltlich anfänglichenKlagen Gewissheit
gegenüberstellen. Zart und weich zeichnen Überlingens Münster- und Kammerchor jenes
poetische Bild des nach Wasser schreienden Hirsches auf. Unter der Leitung von Melanie Jäger-Waldau bringen die Chöre die einzigartige musikalische Schönheit des Psalms voll zu Geltung. Ebenso sensibel und facettenreich führt sie auch das Orchester L’arpa festante
durch den Psalm und präsentiert harmonisch und streng auf hohem Niveau solistische und volle Klangfarben. Darin fügt sich Sibylla Rubens perfekt ein. Der Sopran passt in dieses Werk, er passt zu dem Chor und dem Orchester: Ihre natürliche und ehrliche Stimme ist einfühlsam zart und gleichzeitig ausdrucksstark und nimmt voluminös ihren Raum im Münster ein. In dieser traumhaften Besetzung wird der 42. Psalm von Mendelssohn im
Münster hautnah erlebbar, jener kritischen Gottesferne und unerfüllt geblieben Sehnsucht, die in einem klanglich dramatischen und mitreißend-tröstlichen Finale in Zuversicht und Vertrauen auf Gott ihren Abschluss findet. Das deutsche Requiem knüpft inhaltlich daran an, es ist auch Trostmusik, stellt Leben und Tod in einen sinngebenden Zusammenhang, das vom Wehklagen zur Gewissheit des Weiterlebens nach dem Tod reicht. Das Werk durchläuft einen Prozess und steht am Ende nicht als Totenmesse da, sondern vielmehr als Lebensmesse.
Doch die bei Mendelssohn erklungene, fast schon perfekte musikalische Harmonie von Chor, Orchester und Sopran funktioniert beim Brahms nicht in demselben Umfang: der Aufführung fehlt die finale Dynamik und Spannung, wie sich schon bei den pastoralen
dunklen und weichen Streichern zu Beginn und insbesondere beim zweiten Chorstück andeutet. Dass es dennoch eine gute und gelungene Aufführung wird, die den vielfältigen
musikalischen Strukturen und Varianten des Werkes gerecht wird, dafür sorgt Konstantin Wolff. Der Bass-Bariton mit seiner dramatisch mitfühlenden und von harmonischer Fülle geprägten Stimme kommt hervorragend mit den strukturellen Stärken des Werkes zuwege, sowohl in seiner Klage im dritten Stück, als besonders auch im sechsten Teil. Letzteres füllt er dynamisch und mitreißend mit Spannung, ganz im Sinne von Brahms wird daraus das vorweggenommene Finale des Requiems.
Friedvoll und trostreich klingt das Werk musikalisch aus. Ein andächtiges und absolut stilles Publikum vor dem Schlussapplaus zeugt letztlich von Ergriffenheit.

Dieter Leder, Südkurier, 25.10.2017