Mozart, Cosi fan tutte (CD)
Man fragt sich: Wieso gerade in Perm? Wieso entstehen gerade dort an Europas Ostgrenzen im russischen Ural hervorstechende Einspielungen von Mozarts Da Ponte Opern? Die Frage lässt sich ausnahmsweise schnell beantworten. Weil dort der durchaus exzentrische griechische Dirigent Teordor Currentzis mit seinem Ensemble "MusicAeterna" Tag und Nacht herumtüftelt, um zum Kern ihrer Interpretation vorzudringen.

Wenig Wenn-und-Aber, kein Das-geht-nicht, oder Jetzt-schon-mal-gar-nicht - Haltungen wie diese scheinen die Aufnahmen nicht zu begleiten. Kompromisslos und inhaltlich bestechend durchdacht brachten die Permer Anfang 2014 beim Label Sony Classics "Le nozze di Figaro" heraus, jetzt folgt Nummer zwei der Da-Ponte-Serie. Das dramma giocoso Cosi fan tutte.

Balance der Stimmen und gute Charakterisierung der 6 Figuren

Simone Kermes hat man selten so kleinlaut gehört. Aber treffender kann die junge Fiordiligi nicht um Mitleid bitten, so sehr schämt sie sich ihrer aufkeimenden Untreue. Denn dieser fremde Mann ist einfach zu verführerisch. Und passt rein stimmlich auch viel besser zu ihr als ihr entschwundener Verlobter, dieser elegant schwebende und leidenschaftlich glimmende Ferrando alias Kenneth Tarver. Ein wunderschönes Paar sind die zwei, und damit wird klar, was in dieser temporeichen Aufnahme schon gelungen ist: die Balance der Stimmen und Charakterisierung der sechs Figuren, die die Verwechslungsklamotte zu einem hintertriebenen Experiment machen.

Neben der mädchenhaft-keuschen Simone Kermes bebt der glutvolle Mezzosopran von Malena Ernman, die ihre Dorabella als schwesterlich Verbündete und dennoch in Liebesdingen lustvoll naschende junge Frau akzentuiert, verzaubert vom warmen Liebeswerben des Bass Christopher Maltman. Anna Kasyan kokettiert als Kammerzofe Despina mit ihrer an Jahren jungen aber an Erfahrung reichen Lebenspraxis, verfällt ins ultrakomische Fach in der Kostümierung des Arztes oder Notars. Der vermeintlich gute Freund Don Alfonso, der das ganze Kreuz und Quer des Ver- und Entliebens zu verantworten hat, bekommt dagegen von Konstantin Wolff so gefährlich unpathetische Töne, die alle Tugendhaftigkeit banalisieren. - Man soll eben kein Drama draus machen, wenn insbesondere Frauen zu Seitensprüngen neigen - denn so machen es alle.

Von Verlieren der Unschuld, Aufrichtigkeit und des Vertrauens in sich

Aber dennoch: Diese Einsicht schmerzt. Vor allem die beiden selbstverliebten Offiziere Ferrando und Guglielmo, die für ein paar Zechinen die Treue ihrer Verlobten verwettet haben. Selbst wenn am Ende in Mozarts und Da Pontes kongenialem Laborversuch ein paar philosophische Erkenntnisse gewonnen wurden. Verloren haben alle zu viel: ihre Unschuld, ihre Aufrichtigkeit und das Vertrauen in sich und den Anderen. Ist es das wert? Unbedingt! Die Verlobte des jeweils Anderen in schier unmöglicher Verkleidung zu erobern, ergreifende Momente des magischen Sich-neu-Verliebens zu erleben und die polternde Rücksichtslosigkeit des Don Alfonoschen Wettspiels zu verfolgen, Takt für Takt spricht diese brilliante Einspielung für das ganze Theater.

Allein in der Ouvertüre lässt Teodor Currentzis extrem heiße und kalte Gefühle verrückt langsam und schnell aufeinander prallen, mit schneidiger Wucht kommentiert das Orchester Musicaeterna heuchlerische Liebesschwüre und spielt zum Teil die Sänger an die Wand, die in ihren Emotionen bravourös aufs Glatteis geführt und darin überaus hinterlistig am Hammerflügel begleitet werden. So grandios furios oder in Schockstarre verharrend Currentzis die Musiker und Sänger durch die Partitur führt, so versiert mit historischem Augenmerk musiziert wird, ist es vor allem die psychologische Intelligenz, die die Doppelbödigkeit der Musik und des Librettos zu einem teuflischen Seelendrama in feinsten Nuancen macht. Von wegen Klamauk in Klamotten - diese Schule der Liebenden ist so irre bitter und deswegen so irre gut.

Julia Schölzel, www.br.de 21.11.2014