Bach, Matthäuspassion (CD)
Bachs Matthäus-Passion in einer ausgesprochen vielschichtigen Deutung von René Jacobs, dem RIAS Kammerchor, der Akademie für Alte Musik und starken Solisten: Vor allem emotional und dramatisch ein besonderes Erlebnis.
Es gibt unzählige Deutungen der Bachschen Matthäus-Passion. Jeder Hörer wird seine Favoriten haben, in denen der Evangelist unvergleichlich ist, in denen Choräle von herzerwärmender Intensität gesungen werden, in denen die Instrumentalisten virtuos und perfekt agieren. Jeder wird vielleicht auch Versionen kennen, die weniger befriedigen, die aus der Zeit gefallen scheinen, die einen isolierten interpretatorischen Zugang überstrapazieren, die das Werk als Geisel eines individuellen Deutungsansatzes nehmen. Das alles - das Überwältigende ebenso wie das eher ratlos Machende - ist Teil der modernen Interpretationsgeschichte der Matthäus-Passion. Wenn nun eine neue Version auf den Markt gebracht wird, könnte man fragen: Wozu? Sicher wird es auch hier Interessantes geben, aber insgesamt Neues? Lautet der Name des künstlerisch Verantwortlichen René Jacobs, hört man sehr genau hin, ist gespannt, neugierig und guter Dinge, dass diese aufmerksame Haltung nicht enttäuscht wird.
Und in der Tat wartet Jacobs, basierend auf Untersuchungen Konrad Küsters, mit einem originellen Ansatz auf: Die Doppelchörigkeit der Matthäus-Passion wird nicht als Links-Rechts-Anordnung auf einer Empore der Leipziger Thomaskirche gedeutet, sondern der zweite Chor ursprünglich auf der 1740 abgebrochenen Schwalbennestempore verortet, was Küster und Jacobs historisch und theologisch untersetzen. Der Hauptchor ist danach inhaltlich am Passionsgeschehen unmittelbar beteiligt und bedient alle inhaltlichen Ebenen dieser Sphäre. Der als Fernchor verstandene zweite Chor erlebt das Passionsgeschehen dagegen aus der Distanz, symbolisiert mit seiner Entfernung vom theologischen und musikalischen Zentrum die evangelische Gemeinde der Zeit, die diese 1700 Jahre Distanz, im Kirchenschiff dazwischen sitzend, hörend und reflektierend zu überbrücken hat.
Diese Grundidee hat etliche praktische Auswirkungen: Jacobs teilt Instrumente und Vokalchor asymmetrisch in deutlich ungleiche Teile, der Fernchor ist jeweils deutlich schwächer besetzt. Und er ordnet den Chören auch konsequent je vier Ariensolisten zu - eine Entscheidung, die fast alle Interpretationen im Konzertbetrieb aus ökonomischen Gründen kaum je nachvollziehen können, die hier aber konsequent und schlüssig wirkt, folgt man dem Ansatz.
In der klanglichen Umsetzung hat man im Berliner Teldex-Studio keine Mühen gescheut, diesen raummusikalischen Aspekt nachvollziehbar werden zu lassen - weg vom Effekt der klassischen Stereophonie der Passion, hin zu echter Räumlichkeit, die ein ”šDazwischensein‘ des Hörers ermöglicht. Freilich wird die Differenz zwischen dem ersten und zweiten Chor hin und wieder überdeutlich, auch wenn die Argumente Küsters und Jacobs‘ stimmen: Hier und da wirkt die auch im zweiten Chor exzellente Leistung der Vokalisten fast verschenkt, gelegentlich zu wenig klar und im Vergleich mit den deutlicher positionierten Instrumenten verhangen. Insgesamt ist das Klangbild aber exzellent in vielerlei Hinsicht: Es ist warm, reich an Nuancen und Struktur, dazu fein balanciert, mit überaus plastischer Tiefenstaffelung, ein wahres Fest für die Ohren. Einzig diskutable Größe sind - wie schon angedeutet - die Auswirkungen des konzeptionellen Ansatzes.
Noch mehr Schwerpunkte der Deutung
Es gibt abgesehen von der klanglich-theologischen Grundidee noch mehr Entscheidungen Jacobs‘, die den Gesamteindruck nachhaltig beeinflussen: Da wäre zunächst der Ansatz, bei den Solisten nicht nur auf Erfahrungen im oratorischen Bereich zu achten, sondern genauso musikdramatische Expertise wie Könnerschaft im Liedgesang vorauszusetzen. Und dieser Idee mag man gern folgen: Passion als großes, vielfarbiges Weltengemälde eher denn als anämische Reduktion. Die große Zahl der Solisten birgt das Risiko, in manchem Detail nicht ganz befriedigt zu werden, zugleich aber die Chance der intensiven Deutung in jedem einzelnen Beitrag - Jacobs zeigt: Das Risiko lohnt, die Chancen werden genutzt, die vokale Szene wirkt überaus lebendig, emotional erwärmt, sicher auch heterogen, aber doch vor allem mit der positiven Konsequenz, das alles Gesungene Substanz und Fleisch hat.
Dazu die Sphäre des Rezitativischen: Jacobs legt Wert auf eine kurze, knackige, den dramatischen Gehalt unterstreichende Akkordik, wesentlich bestimmt vom Klang der Laute. Darin liegt eine der ganz großen Stärken der Einspielung - im dramatischen Zug, der sich aus der agilen Handhabung der Notation ergibt, angelehnt an die selbstverständliche Praxis des 18. Jahrhunderts, im Basso continuo der Rezitative nicht gelehrt zu langweilen, sondern das Geschehen entschlossen voranzutreiben.
Bemerkenswert schließlich ist die Deutung der Choräle: Jacobs zeigt sich entschlossen, mit der Tradition des trockenen, emotionsarmen Singens zu brechen, etabliert sie als interpretatorisch eigenständige Größe, ruhevoll und reflektiert. Dazu nutzt er die Fermaten in lange Zeit ungekannter Intensität als Zäsuren, zeigt sich dazu insgesamt agogisch frei. Das ist originell, gefährdet aber auch manchen Sinnzusammenhang. Dynamisch differenziert Jacobs in den Chorälen deutlich, man kann sagen: Er deutet die Passion auch intensiv choraliter. Der über die rahmenden Chöre hinausgehende Einsatz der Knaben in fünf weiteren Chorälen ist klanglich charmant und in der Aussage überzeugend, wenngleich sicher individuelle Zugabe Jacobs‘.
Zu den Details
Natürlich ist über die rezensionsüblichen Aspekte zu sprechen: Im Zentrum jeder Passionsvertonung steht der naturgemäß ausgreifende Part des Evangelisten. Werner Güra setzt hier einen echten Maßstab - mit seiner fabelhaft selbstverständlichen Höhe, mit seinem wunderbar lyrischen, eleganten Ton, mit seiner enorm sprachaffinen, hochexpressiven Gestaltung. Er ist der erzählerische Motor des Geschehens, alles andere als nüchtern und verbindet viele Qualitäten und Ideale auf geradezu beglückende Weise. Dem Jesus von Johannes Weisser eignet die für diesen Part in der Matthäus-Passion nötige Noblesse und Größe. Weisser deutet Jesus zwar gemessen und mit durchgehend edlem Ton, doch nicht entrückt, sondern angemessen emotional, mit dem intensiven Geschehen interagierend.
Weiterer vokaler Großakteur ist der RIAS Kammerchor, der sich vielseitig, klangpräzis und behände zeigt. Das versierte Ensemble wird allen Rollen ohne Mühen gerecht - höchste chorische Qualität in allen wichtigen Parametern macht das möglich, zum Beispiel eine hervorragende Diktion, die die Beiträge des Chors außerordentlich lebendig sein lässt, egal in welcher Besetzung und Konstellation. Davon profitieren auch die aus dem Chor heraus und damit natürlich weit überdurchschnittlich besetzten Soliloquenten: Da zahlt sich die solistische Potenz der Choristen aus, da ist nichts Inadäquates zu erleben. Eine vernehmliche Rolle im Chorischen spielen auch die Knaben des Staats- und Domchors Berlin, die sich klar, stark, in absoluter Präzision und intonatorisch perfekt präsentieren.
Alle Vokalsolisten deuten ihre Arien mehr als angemessen: Angefangen bei der brillanten Sunhae Im, über die elegante Christina Roterberg, die am ehesten einer klassischen Stimme der Alten Musik nahekommt und die Altistinnen Marie-Claude Chappuis und Bernarda Fink, die mit wirklich großen, durchaus eigenständigen Stimmen zu intensivster Ausdruckskunst finden bis zu den Tenören: Topi Lehtipuu singt lyrisch schön und mit sicherer Höhe, expressiv, so wie sein ähnlich veranlagter Kollege Fabio Trümpy. Schließlich die Bässe - Arttu Kataja mit seiner großmächtigen Stimme, toller Tiefe und viel virilem Klang. Und der wunderbare Konstantin Wolff, nach dessen 'Am Abend da es kühle ward' mit der nachfolgenden Arie 'Mache dich, mein Herze, rein' man es dann doch ein wenig bedauert, dass dieser Könner nicht noch öfter zu hören ist.
Höchstleistungen vollbringt in sehr verschiedenen Konstellationen die Akademie für Alte Musik: Sie klingt natürlich insgesamt exzellent, in der Phrasierung, in der Expressivität - alles ist da von luxuriöser Qualität, die hervorragenden Streicherregister, die obligaten Beiträge. Schon angedeutet wurde die hervorgehobene Rolle des Basso continuo, der hier geradezu explosiv und immer zupackend gespielt wird, strukturklar, plastisch und energisch. Die artikulatorische Sphäre insgesamt ist von diesem Niveau: Alles sitzt und passt, es knackt und drängt, das Geschehen entfaltet einen unglaublichen Sog - hier ist Jacobs‘ dramatisches Temperament sehr deutlich und zum Gewinn der Passion zu hören. Auch bei den Tempi verfolgt der Belgier einen prononcierten Ansatz, variiert, schafft Überraschungsmomente, konzentriert sich bei Einzelentscheidungen auf den zyklischen Charakter der Satzfolge.
Präsentiert wird diese eindrucksvolle Produktion in einer aufwändig gestalteten Box mit dickleibigem Booklet und einer erläuternden DVD, die Jacobs und etlichen der Vokalisten und Instrumentalisten Gelegenheit gibt, den Ansatz und die gemeinsame Arbeit daran zu reflektieren - eine im Gegensatz zu vielen filmischen Beigaben anderer Einspielungen wirklich substanzreiche und für den Hörer nützliche Ergänzung.
Bilanz
René Jacobs gelingt zweifellos eine große Deutung der Bachschen Matthäus-Passion: Mit dramatischer Geste, mit einem unglaublichen Sog, auf höchstem Niveau, mit eigenwilligen Akzenten, auch mit durchaus diskutablen Schwerpunktsetzungen - aber ganz wesentlich in Sphären jenseits der kleinlichen Kritik.
Mit Blick auf die zentralen aufführungspraktischen Entscheidungen und ihre Hintergründe könnte man bilanzieren: Wie so oft kann gut begründete Konsequenz ertragreich sein, lohnt vor allem die klangliche Ausdeutung der inhaltlichen Differenz zwischen den Chören. Es ist wirklich ein spannender Gedanke, dass Bach es so konzipiert haben könnte, mit der nachdenklichen Gemeinde dazwischen. Könnte, darauf ist sicher nach wie vor Wert zu legen.
In den vielen grundsätzlichen Dingen - vor allem die Besetzungsstärke der Vokalchöre betreffend - reflektiert René Jacobs den Stand der Diskussion, findet aber zu einer pragmatischen, gelassenen Version. Damit im lang andauernden Streit der Parteien zu Besetzungsfragen in Bachs Chor dem Votum Martin Gecks folgend, wonach jeder Interpret nach reiflicher Überlegung das tun möge, was er für richtig und angemessen hält, ohne darüber zu sinnieren, ob Bach das Ergebnis gutgeheißen hätte - Geck scheint in dieser Auseinandersetzung immer wieder eine Art Stimme der praktischen Vernunft zu sein. Jacobs jedenfalls ist in seinem Ansatz individuell, auch eigenwillig, im Ergebnis vor allem emotional und dramatisch herausragend. Eine Matthäus-Passion also, die auch dem nützen wird, der schon alles zu kennen glaubt.
http://magazin.klassik.com/reviews/reviews.cfm?TASK=REVIEW&RECID=25433&REID=14766

Dr.Matthias Lange, klassik.com, 27.11.2013